Z-Modul „Urban Interventions“
WS 2013/14, Leitung: Johannes M. Hedinger, Imanuel Schipper, Gäste: Cecilie Sachs Olsen/Sabeth Tödtli (zURBS)

Urban Interventions nennt man die Weiterentwicklung künstlerischer Interventionen im urbanen Raum. Es ist ein Wechselspiel von Kunst, Architektur, Performance, Installation und Aktivismus. Das Öffentliche wird zu einem privaten Erlebnis. Die oft anonymen Arbeiten beschäftigen sich mit jeglichen Aspekten und Bestandteilen der Stadt. Die Straße wird zur Leinwand und Galerie, zum Atelier, Labor und Club. Die Kunst kommt zum Publikum. Modifizierte Straßenschilder, Schaukeln an Bushaltestellen und Bilder aus Sand oder Schnee fordern uns heraus, unsere Umwelt zu entdecken, sie auf neue Art wahrzunehmen und mit ihr zu interagieren. Urban Interventions kommentieren und kritisieren auf intelligente Art und nehmen Bezug auf die Planung, Nutzung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums.

Im Rahmen eines einwöchigen transdisziplinären Z-Moduls an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK entwickelten die Studierenden in Kleingruppen eigene Projekte im Stadtraum von Zürich. In der Folge finden sie eine Auswahl dieser studentischen Arbeiten:

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GEYSIR-PRÄVENTION
Von Basil Schubert, Fidel Thomet, Samuel Alder

Idee
In der Stadt Zürich existiert permanent eine Vielzahl von Baustellen. Der Zweck der Baustellen lässt sich zwar nachforschen, ist aber doch nur einem kleinen Teil der Bevölkerung bewusst. Indem wir die Identität der Stadt übernehmen, weisen wir den Baustellen eine neue Bedeutung zu.
Geysir3

Umsetzung
Unsere Intervention findet auf zwei Ebenen statt. Wir haben an Baustellen in der Stadt von uns hergestellte Plakate aufgehängt. Diese sehen aus wie offizielle Informationsplakate des Tiefbauamtes und informieren über an dieser Stelle existierende Geysire. Zusätzlich haben wir eine Website, ebenfalls im offiziellen Design der Stadt Zürich, entwickelt, welche die Stadtbewohner mit erfundenen Hintergrundinfos versorgt. Die Plakate wurden in A3 auf oranges Papier gedruckt und laminiert, wie die offiziellen Plakate des Bauamtes, welche man oft bei Baustellen sieht. Das Logo der Universität Reykjavik weist auf die Zusammenarbeit zwischen dieser und der Stadt Zürich hin. Auf die von uns erstellte Website verweist ein abgedruckter QR-Code. Zusätzlich haben wir Etiketten gedruckt mit dem Logo der Universität Reykjavik, einem Barcode und den Worten “geologisches Institut” in Isländisch (Jarðfræði Stofnunarinnar), welche wir auf Baumaschinen und Material auf der Baustelle aufgeklebt haben.

Geysir2Die Website beinhaltet detaillierte Informationen zu Geysiren, dessen Vorkommen in Zürich, und der Zusammenarbeit mit einem Team des geologischen Instituts der Universität Reykjavik. Sie bietet ausserdem die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit uns per E-Mail. Das Design der Website wurde von der offiziellen Seite der Stadt Zürich kopiert, somit fällt dem Besucher nicht auf, dass er sich auf einer von uns erstellten Seite befindet.   t.uzh.ch/4i

geysir web

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DAS MOBILE WOHNZIMMER
von Soraya Dos Santos, Aisha Reisner, Marielle Roth und Lorena Strohner

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Situation
Mit dem Beginn der Industrialisierung hat sich das Leben wir für die Menschen auf der ganzen Erde für immer verändert. Heute leben in einer globalen Welt, in der man ständig und überall erreichbar ist. Gemäss der Modellvorstellung der Leistungsgesellschaft ist nur erfolgreich, wer auch besondere Leistung erbringt. Die eigenen, privaten Bedürfnisse werden deshalb oft zurückgestellt um angestrebte Güter wie Einkommen und Vermögen zu erzielen. Hektik und Stress gehören deshalb mittlerweile zum Alltag.

Idee
Mit der Intervention «mobiles Wohnzimmer» soll ein klarer Kontrast zur Hektik und dem Alltagsstress in der heutigen Gesellschaft erzeugt werden. In Form eines gemütlichen, warmen Wohnzimmers wird im eher kühlen, öffentlichen Raum ein Ruhepol geschaffen und unsere heutige Situation hinterfragt. Denjenigen Menschen, die zu Hause wenig Zeit haben um sich zu erholen soll hier die Möglichkeit geboten werden, kurz inne zu halten, sich zu setzen und für einen Moment lang dem Stress zu entkommen. Mit dieser Aktion wird versucht, auf die derzeitige Situation aufmerksam zu machen und diese zu hinterfragen. Ebenso werden die Menschen dazu eingeladen sich etwas mehr Zeit zu nehmen. Das mobile Wohnzimmer soll hier als metaphorisches Sinnbild verstanden werden, den Alltag zu entschleunigen.

wohnen a

Aktion und Umsetzung
Ursprünglich war das in-Szene-setzen und Benutzen einer auffälligen, funktionierenden Steckdose im öffentlichen Raum eine Bedingung, die wir uns stellten. Je länger wir uns aber mit dem Thema beschäftigten stellten wir fest, dass das «Andocken» an den urbanen Raum, welches über ein elektrisches Gerät passieren und auch sichtbar gemacht würde, gar nicht unbedingt von Nöten ist. Als Umsetzungsort ist eine stark frequentierte Strasse oder ein öffentlicher Platz sehr gut geeignet, da hier oft viele gestresste Passanten anzutreffen sind.

Wir wählten dazu den Limmatplatz, die Langstrasse, den Helvetiaplatz und den Hauptbahnhof. Für eine möglichst authentische Szenerie wurden auch die passenden Möbel und Gegenstände gewählt. Ein gemütlicher Sessel, zwei Kissen, eine alte Stehlampe, ein alter Stuhl, ein kleiner Tisch, ein alter Teppich, ein paar Bücher, eine Tageszeitung, ein Familienfoto, ein Aschenbecher, eine Fernbedienung und eine Blume widerspiegeln ein klischeehaftes altes Wohnzimmer, wie wir es von unseren Grosseltern kennen. So können wir davon ausgehen, dass sich auch jeder damit identifizieren kann und das Wohnzimmer auch als solches erkannt wird. Ausserdem  sollen die Passanten durch dieses authentische Bild dazu eingeladen werden, mit dem Wohnzimmer auch zu interagieren und es zu benutzen. Das mobile Wohnzimmer wurde, sobald ein geeigneter Platz gefunden wurde, in weniger als einer Minute aufgebaut und anschliessend den Passanten überlassen. In sicherer Entfernung beobachteten und dokumentierten wir dann die unterschiedlichen Reaktionen. Hatten wir genug Material und Eindrücke, bauten wir die ganze Szenerie wieder ab und stellten sie an einem anderen Ort wieder auf. Insgesamt wurden so sechs unterschiedliche Orte für einen kurzen Zeitraum in ein Mini-Wohnzimmer verwandelt.

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Reaktion
Am häufigsten wurde die Szenerie kurz begutachtet, bevor die Passanten daraufhin ohne weitere Reaktionen weitergingen. Vereinzelte Fussänger blieben eine Weile stehen und betrachteten die Installation sehr genau, fassten sie an, aber nutzen sie nicht. Generell ist die Hemmschwelle, das Wohnzimmer auch wirklich zu benutzen sehr hoch. Etwas niedriger ist sie, wenn die Passanten in Gruppen unterwegs sind.
Die meisten Passanten, die mit der Installation interagiert haben, haben sie benutzt um sich selbst zu fotografieren und in Szene zu setzen. Es gab aber doch ein paar Fussgänger, die sich für etwas längere Zeit hinsetzten, die Zeitung oder ein Buch in die Hand nahmen um darin zu lesen, und dann auch ins Gespräch mit weiteren interessierten Passanten kamen.
In unserem Austausch mit den Passanten erhielten wir ausschliesslich positives Feedback, obwohl unsere intendierte Botschaft von der Mehrheit überhaupt nicht verstanden wurde. Erklärten wir allerdings unsere Idee, war unsere Intension für alle Passanten nachvollziehbar. Von den meisten unserer Gesprächspartnern wurde das «mobile Wohnzimmer» als Kunstprojekt ohne wirkliche Message gesehen. Einige dachten auch, dass wir auf den mangelnden bezahlbaren Wohnraum in Zürich aufmerksam machen wollen.

Fazit, Endresultat und Ausblick
Grundsätzlich verlief die Aktion weitaus besser, als wir uns vorgestellt hatten. Der Umzug der Möbel sowie der Auf- und Abbau gestaltete sich als sehr einfach und erstaunlich unproblematisch. Wir waren ausserdem auch sehr positiv über die freundlichen, konstruktiven und offenen Feedbacks der Passanten überrascht. Es ergaben sich keine Probleme mit Ladenbesitzern und wir kamen auch nicht in Kontakt mit den Behörden – und das, obwohl wir die Installation am Helvetiaplatz über 1.5 Stunden aufgebaut hatten.
Unsere Botschaft wurde aber leider nicht ohne Erklärung verstanden, was hier vermutlich noch Spielraum offen lässt, die Aktion selbsterklärender zu gestalten. Trotzdem erzielten wir (vermutlich) eine Reflexion bei den Passanten und kamen sogar auf andere mögliche Botschaften, wie beispielsweise das Demonstrieren für bezahlbaren Wohnraum in der Stadt Zürich, oder eine Aktion für die Suche eines WG-Zimmers. Da sich das Umziehen der Möbel so einfach gestaltet hatte, könnte man die Aktion auch noch viel weiter ausweiten und an anderen Plätzen in Zürich durchführen. Hier wäre dann auch ein Vergleich der Passantenreaktionen spannend.

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SPATEN_STRICH
von Nadja, Leo, Michael

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Die Situation
In dem sich seit geraumer Zeit im Aufwertungsprozess befindenden Quartier Zürich West liegt die Pfingstweid-Brache. In den ehemaligen Schrebergärten neben dem Prime Tower ist eine Parkanlage geplant. Die Wiese als einzige Grünfläche in einem weiten Umkreis fällt auf und animiert uns, eine Intervention vorzunehmen.

Das Projekt
Aus der Vogelperspektive stechen sofort die aussergewöhnlichen Geometrien der umliegenden Gebäude ins Auge. Einerseits wollen wir eine optische Erweiterung der Dachstruktur erreichen, anderseits projizieren wir spielerisch die frisch gebauten Appartements einer gehobenen Bevölkerungsschicht in ein fast hundertjähriges Naherholungsgebiet der Arbeiterklasse. Durch einfache Linien wird eine materialtechnisch simple und somit eine schnelle Umsetzung möglich. Den planartigen Charakter der Intervention erreichen wir demnach mit einfachen Spatenstichen. Die so entstehenden Gräben verbinden sich aus der Höhe zu einer wirkungsvollen Zeichnung. Somit sind keine Additionen von zusätzlichen Materialien nötig.
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In einem weiteren Schritt sollen die Furchen bepflanzt werden. Inspiriert von der in den 70er Jahren in den USA entstandenen Guerilla-Gardener-Bewegung erreichen wir so ein Andenken an die kürzlich abgerissenen Familiengärten in der Pfingstweid. Mit der formalästhetischen Umsetzung des Projekts SPATEN_STRICH thematisieren wir die Gentrifizierung des Kreis 5.

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UNTITLED 2013

Von Evan Ruetsch

Bancomat

Ich habe mich entschieden mit dem Thema der Verwirrung zu arbeiten. Dazu habe ich einen Bankautomaten abfotografiert und diesen danach eins zu eins auf Papier ausgedruckt. Das ganze habe ich an einer weissen Wand am Zürcher Hauptbahnhof durch Klebeband angebracht.

Durch die vielen Menschen am Hauptbahnhof ist dieser Ort perfekt um an ein schnelles Resultat der Verwirrung zu gelangen. Die Leute die sich dort aufhalten wollen alles schnell erledigt haben; schnell in den Zug steigen, etwas im Migros einkaufen, Tickets lösen und na­türlich auch Geld am Automat abheben. Dazu kommt noch der Stress der anderen Menschen die sich dort aufhalten, welcher mir für mein Projekt sehr geholfen hat. Denn Menschen achten in stressigen Situationen weniger auf Kleinigkeiten und konzentrieren sich primär auf sich selbst. So konnte ich unbeaufsichtigt mein Foto anbringen und der Automat fiel nicht als Fake auf. Natürlich habe ich das Foto des Automaten so bearbeitet, dass es möglichst echt aussieht; die Spitzlichter, Tiefen, das richtige Schwarz, Farbtemperatur etc.

Als ich den Fakeautomaten angeklebt habe, ging es nicht lange bis die erste Person reinfiel. Es war ein Erfolg, ich habe viele verschiedene Situationen beobachten können. Vom kompletten Reinfall, zum scheuchen Blick bis hin zum totalen Desinteresse. Das ganze wurde als Film dokumentarisch festgehalten.

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OBSTACLES

Von Einar Gisli Thorbjörnsson und Meret Vollenweider

Obstacles

Die Urban Intervention «Obstacles» besteht aus 20 Ikea Umzugskisten, die In den 6 Tetris-Formen angeordnet und in den 6 Tetris Farben angemalt sind. Die Kisten befin­den sich im Fussgängertunnel unter der Kornhausbrücke und blockieren den Weg für Passanten und Fahrräder. Aus der Ferne macht die Skulptur den Eindruck den Tunnel vollkommen zu blockieren, kommt man aber näher, bilden sich Lücken zwischen den Kisten, durch die man hindurchgehen kann.

Der Betrachter muss sich vor jedem Hindernis entscheiden, auf welcher Seite er durchgeht. Einige Pas­santen sind dem Tunnel über einen Umweg ausgewichen, da sie sich den Problemen nicht stellen wollten.

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