SoSe 2014, Leitung: Jane Eschment

Urban Interventions nennt man die Weiterentwicklung künstlerischer Interventionen im urbanen Raum. Es ist ein Wechselspiel von Kunst, Architektur, Performance, Installation und Aktivismus. Das Öffentliche wird zu einem privaten Erlebnis. Die oft anonymen Arbeiten beschäftigen sich mit jeglichen Aspekten und Bestandteilen der Stadt. Die Straße wird zur Leinwand, Galerie und Bühne, zum Atelier, Labor und Spielplatz. Die Kunst kommt zum Publikum. Modifizierte Straßenschilder, Schaukeln an Bushaltestellen und Bilder aus Sand oder Schnee fordern uns heraus, unsere Umwelt zu entdecken, sie auf neue Art wahrzunehmen und mit ihr zu interagieren. Urban Interventions kommentieren und kritisieren auf intelligente Art und nehmen Bezug auf die Planung, Nutzung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums.

Im Rahmen des Seminars begeben sich die Studierenden künstlerisch-forschend in die urbanen Räume und entwickeln kollaborativ eigene Projekte im Stadtraum von Köln. Im Folgenden finden Sie die Dokumentation der entstandenen studentischen Interventionen.

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SPONTANEOUS SCULPTURES
(Seminarteilnehmer_innen, Inspirationsquelle: Brad Downey)

Wie lassen sich Wahrnehmungsroutinen unterbrechen?
Ein Spiel mit der Überraschung und urbanem Material.

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URBAN GAMING 
(Seminarteilnehmer_innen, Kooperation: League of creative Interventionists Cologne)

60 Minuten und ein Materialhaufen. Vorplatz S-Bahnhof Köln-Ehrenfeld.
Die Stadt mutiert zum Spielplatz.

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IM ZWEIFEL IST DAS KUNST

(Regina Klinkhammer, Isabelle Brunner)

Warten. Musik hören. Aufs Handy gucken – Whats App: ein Foto von Lisas Essen. Quizduell: Welche Auflösung hat ein I-Phone 4s auf seinem Bildschirm? Die Bahn kommt – einsteigen. Wo ist was frei? Hinsetzen – Handy. Zu langen Blickkontakt vermeiden. Zu engen Körperkontakt vermeiden. Langeweile. Gedanken schweifen lassen.

„KANN BAHNFAHREN AUCH ANDERS SEIN?“ 

# IDEE

Angeregt durch Künstler_innen, die in ihren Interventionen mit der „public privacy“ im urbanen Raum spielen, entschieden auch wir uns für diese Strategie. Ein Wohnzimmer in der Bahn, das wäre doch mal was. So wurde die Umgestaltung eines Bahnabteils zur Grundlage unserer Intervention. Wir wollten mit der Anonymität im urbanen Raum spielen, zur Kommunikation anregen und die Leute bewusst aus ihren Handlungsroutinen reißen. Dazu überlegten wir uns verschiedene Strategien und Szenarien, die vom einfachen Beobachten, über Auslegen von Fragekärtchen bis hin zur bewussten Teilhabe und Interaktion reichten.

Wie reagieren die Menschen auf das Wohnzimmer? Was passiert, wenn wir darin Platz nehmen, aber nur aus dem Fenster schauen?  Wer lässt sich durch ein Medium (Bsp.: Kaffee, Kuchen, Buch o.ä.) auf die Situation ein? Wer durch Mimik,  Gestik oder Zulächeln? Wer reagiert auf lautes Vorlesen? Wer reagiert auf Kommunikation?

# DURCHFÜHRUNG

7 Stunden Wohnzimmer in der KVB

Vollgepackt mit Kaffee, Keksen, Decken, Kissen, einer Lampe und anderen Wohnaccessoires stiegen wir an einem extrem heißen Montag in die Linie 15 Richtung Ubierring. Nicht gerade die perfekte Voraussetzung für eine längere Bahnfahrt. Doch davon ließen wir uns nicht abbringen. Als keine Person mehr in der Bahn war, nutzen wir die Gelegenheit und verwandelten das Abteil in ein gemütliches Wohnzimmer. Wir verbrachten den ganzen Tag in der Bahn, fuhren von Endstation zu Endstation, wechselten in die Linie 9 und 16 und erhielten allerlei Reaktionen.

REAKTIONEN

Die Spannweite der Reaktionen reichte vom krampfhaften Ignorieren und leiser Verärgerung, über Lächeln und Freude, bis hin zur angeregten Kommunikation zwischen Fremden. Auffällig war vor allem, dass die Reaktionen weitaus ausschweifender und offener ausfielen, solange das Abteil verlassen war und kein_e Urheber_in erkennbar war. Uns gelang es, die Leute zu wilden Spekulationen  anzuregen. Besonders beliebt war das gegenseitige Fotografieren mit dem Smartphone, während man sich kurz im Abteil positionierte. Auf Muffins und Kaffee wurde erst sehr zögerlich reagiert -“sie könnten ja vergiftet sein!“. Jedoch machte ein neugieriger junger Mann auf Höhe der Neusserstr./Gürtel den Anfang und nahm sich einen Keks. So war die Hemmschwelle überwunden. Interessant war, dass die Routine der Nichtbeachtung eher dadurch aufrecht erhalten wurde, dass wir uns im Abteil befanden und zu Kaffee und zu Kuchen einluden, denn „mit Fremden spricht man nicht!“. In der Selbstbeobachtung wurde uns deutlich, wie schwer es uns selbst fiel, unsere eigenen Handlungsroutinen zu unterbrechen und auf die Leute zuzugehen. Deshalb führten wir noch eine zweite Intervention an einem anderen Tag durch, bei der wir das Glück hatten, kommunikativen Menschen zu begegnen, die begeistert in unserem Wohnzimmer Platz nahmen.

# REFLEXION

Von der Sozialwissenschaftlichen Studie bis zur Werbeaktion der KVB – über die Hintergründe unserer Intervention wurde von den Bahnfahrenden wild und einfallsreich spekuliert. Es war schön zu merken, wie sehr sich die Menschen an unserem temporären Wohnzimmer erfreuten, sodass wir selbst trotz unserer eigenen anfänglichen Skepsis nach der Intervention mit einem guten Gefühl aus der Bahn wieder ausgestiegen sind.
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DER ROTE FADEN – KÖLN MAL ANDERS
(Lena, Fabian und Hanna)

# IDEE

Im Alltag richten wir den Blick oftmals bloß auf die offensichtlichen Dinge und übersehen dabei die kleinen und unscheinbaren Details.

Hast du dir den Gullideckel schon mal angeschaut?
Ist dir der Riss in der Wand aufgefallen?
Oder welche besondere Form diese Laterne hat?

Wir haben versucht unseren Blick zu verändern, um diese Kleinigkeiten zu entdecken. Die ästhetischen Erfahrungen möchten wir teilen und erforschen, wie viel Beachtung und Interesse eine Aufforderung zur Veränderung der eigenen Sehgewohnheiten im täglichen Trott erhält.

Mit Hilfe eines „RotenFadens“ – angelehnt an die touristischen „roten Fäden“ in verschiedenen deutschen Städten, die an den Sehenswürdigkeiten vorbei führen- weisen wir auf ausgesuchte „Nicht-Sehenswürdigkeiten“ Kölns hin und stellen diese in den Fokus.

# DURCHFÜHRUNG

Vorbereitung:
– Ortsauswahl/-begehung: Heumarkt (ein zentraler Platz in der Kölner Altstadt)
– Auswahl der Stationen (Nicht-Sehenswürdigkeiten)
– Materialbeschaffung (Kreidespray, Kameras, Kabelbinder etc.)
– Erstellung von Internetseite, QR-Codes und Hinweiszetteln

Wir treffen uns am 10.07.14 um 05:00 Uhr morgens am Heumarkt – ganz in schwarz natürlich – um die Intervention durchzuführen. Begleitet werden wir von einer Journalistin der Kölner Studierendenzeitung und einem Fotografen. Als erstes sprühen wir unseren Faden, angefangen mitten auf dem Heumarkt, durch die Altstadt bis hin zu Tünnes und Schäl. An den ausgewählten Nicht-Sehenswürdigkeiten bringen wir die QR-Codes und andere Materialien wie Einwegkameras und Bilderrahmen an, die den Besucher_innen als Anregung dienen, um den Ort anders kennenzulernen.
…Der „Rote Faden“ ist nun fertig und der erste Blogeintrag auf unserer Internetseite www.roterfaden.wix.com/roter-faden fällig…

# REAKTIONEN

Nach unserer Beobachtung am Tag nach der Installation fand der Rote Faden kaum Beachtung. Zumindest nicht in unserem Sinne. Denn das Interesse der Passant_innen richtete sich eher auf unser Material, das man abmontieren und mitnehmen konnte…Es gab Personen, die die Einwegkameras tatsächlich zum Fotografieren einsetzten. Kurze Zeit später mussten wir jedoch feststellen, dass alle Kameras bedauerlicher Weise entfernt wurden, sodass wir die Fotos nicht in unserem Sinne verwenden können. Irgendwie enttäuschend.
Am Folgetag besuchten wir den Faden noch einmal mit unserem Seminar und unsere Wahrnehmung des Roten Fadens veränderte sich: Durch das Interesse der Seminarteilnehmer_innen und ihre Reaktionen wurde auch die Neugierde der anderen Passant_innen geweckt.
Ob sie unserem Faden zu einer veränderten Wahrnehmung weiter gefolgt sind, können wir nicht sagen, doch erfreuen wir uns an allen, die es versuchen.

„Sind Sie dem roten Faden gefolgt?“
„Jaja, was denkst du denn?“
„Und was denken Sie was das ist?“
„Quatsch mit Soße ist das!“

# FAZIT

Nach anfänglicher Motivation und Begeisterung waren wir von unseren ersten Beobachtungen etwas enttäuscht. Wir hatten uns erhofft – auch aufgrund der intensiven Vorbereitungszeit – mehr Reaktionen einzufangen. Doch gerade diese verhaltenen Reaktionen zeigten uns, dass wir Menschen nicht so leicht aus unserem gewohnten Alltag „rauszuholen“ sind. Die Erkenntnis, dass es manchmal einer gewissen Performance bedarf, um die Aufmerksamkeit von Menschen umzulenken, hat uns mit anderen Erfahrungen aus der Intervention herausgehen lassen, als wir hineingegangen sind. Zurückblickend sind wir der Meinung, dass unsere in der Durchführung als negativ empfundenen Erfahrungen viel produktiver sind als wir dachten.

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BLIND STORIES
(Franziska, Samira und Anna-Lena)

# IDEE

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Man sieht sie überall in der Stadt: Geriffelte und genoppte Platten auf Gehwegen und zentralen Plätzen. Aber wer weiß schon, wofür sie da sind?! Wir wussten es nicht! Am Breslauer Platz in Köln haben wir nachts drei Tatorte installiert, um die Aufmerksamkeit Richtung Boden zu lenken.

# DURCHFÜHRUNG

Wer findet die Lösung des Rätsels?

Mit unserem Projekt „Blind Stories“ (angelehnt an Black Stories) wollten wir auf das Blindenleitsystem aufmerksam machen. Wie man im Video sieht, gab es zu jedem Tatort einen QR-Code und einen Link, die beide zur Auflösung des Rätsels auf unserer Internetseite http://blindstorieskoeln.wordpress.com führen. In jeder Geschichte spielt das Blindenleitsystem eine Rolle. Zudem verweist ein Link unter der Auflösung auf die Kölner Informationsseite des Systems.


# REFLEXION

Viele Passant_innen haben sich unsere Tatorte angeschaut und den Link zur Internetseite genutzt. Auch zwei Wochen später steigen die Besucher_innenzahlen weiter. Bei einem zweiten Durchlauf würden wir nur Kleinigkeiten ändern, z.B. würden wir die Lösung auch direkt am Tatort anbringen, damit man nicht auf das Handy angewiesen ist. Alles in allem sehen wir unser Projekt als gelungen und freuen uns, dass sich viele an „Blind Stories“ beteiligt haben.

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VOM SCHLAGLOCH ZUR UNVERWECHSELBAREN PFÜTZE 
(Nagmeh und Esra)

# IDEE

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Bei einem Spaziergang, einer Autofahrt oder mit dem Fahrrad (!) fallen sie auf: Schlaglöcher. Gefährlich, hässlich oder in ihrer ästhetischen Qualität völlig unterschätzt? In unserer Beobachtung kamen wir zu dem Entschluss, dass diese Charakteristika der Kölner Straßen schlicht und einfach viel zu wenig beachtet werden. Unsere Idee war es also, auf „uninteressante“ Nebenstraßen aufmerksam zu machen, indem wir die Schlaglöcher veränderten und den Blick der Menschen entgegen ihrer Gewohnheit auf den Boden lenkten. Die ästhetisch-künstlerische Gestaltung des urbanen Raumes stand für uns dabei im Vordergrund. Inspirationen lieferten uns das Künstler_innenduo Claudia Ficca und Davide Luciana.

DURCHFÜHRUNG

Die Ortsrecherche in Köln führte uns zu einer besonders „hässlichen“ Straße mit zahlreichen Schlaglöchern. Es ist interessant sich auch mal auf die nicht so schönen Dinge im Umfeld zu konzentrieren. So kommt man auf Ideen und zu ungeahnter Kreativität. Wir entwickelten Begeisterung für Struktur und Form der verschiedenen Schlaglöcher. Es war uns wichtig das Schlagloch so „schön“ wie möglich zu inszenieren. Um das Schlagloch zu verschönern, haben wir Pflanzen neben das Schlagloch gestellt und Schlaglöcher mit blauer Farbe gefüllt, sodass es die Assoziation an einen hübschen Teich weckt.Natürlich brauchten wir erst mehr Mut als gedacht und die Intervention hat uns Überwindung gekostet, doch dann konnten wir immer besser das Umfeld ausblenden und uns ganz auf unsere Intervention konzentrieren.

# REFLEXION

Ursprünglich wollten wir die Stadt Köln und ihre Bürger_innen ansprechen. Wir hatten uns sogar eine Begegnung mit jemandem vom Ordnungsamt gewünscht. Doch zu unserer Überraschung fielen Reaktionen spärlich aus. Unsere Intervention an dem von uns ausgewählten Ort führte nicht dazu, dass Menschen sich zum Handeln aufgefordert fühlen oder vor Verwunderung anhielten. Plötzlich waren wir selbst nicht mehr klar, in welche Richtung unsere Intention ging. Wollten wir, dass die Menschen das einfach nur hübsch finden, lächeln und weitergehen? Oder doch zum nächstbesten Naturschutzverein rennen und sich ehrenamtlich engagieren? Die Reaktionen haben uns gezeigt, dass Menschen sich wundern, sich fragen, was das soll, ihre Gedanken aber nicht weiterspinnen, nur weil etwas schön anzusehen ist.

Was fällt Ihnen an dieser Straße auf?

„Nichts, was soll denn sein?“
„Da hinten ist eine Pfütze mit Blumen geschmückt. Ist mir schon aufgefallen als ich daran vorbei gegangen bin. Was soll das bedeuten? Waren Sie das?“

Wie empfinden Sie den Anblick dieser Pfütze?

„Ich finde das sieht toll aus. Wäre schön wenn alle Pfützen so aussehen würden!“
„Unnötig. Ist doch bald eh wieder weg.“
„Können sie meine Pfützen auch schmücken“ (lachen)

Was kommt bei Ihnen an? Fühlen Sie sich in irgendeiner Art und Weise angesprochen zu handeln?

„Ist das so ´ne Kritik wegen Natur oder sowas? Nein, was soll ich denn machen, wenn die Straßen hässlich sind?“
„Nein. Verstehe ich nicht. Sieht aber hübsch aus.“

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