Die folgenden 4 Projekte entstanden im SS 2010  im Rahmen des Seminars „Cultural Hacking“ am Institut für Kunst und Kunsttheorie an der Universität Köln unter der Leitung von Prof. Torsten Meyer, Johannes M. Hedinger und der Mitarbeit von  Daniel Berg und Annemarie Hahn.

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Gruppe 1: Ein Stück Köln für einen Euro

Daniel Berg, Marc Sohns, Katya Fehring, Jutta Baumeister


Idee
Die Stadt Köln besitzt Grundstücke die achtlos brachliegen. Offenbar fehlen hier Mittel und Wege diese Flächen so zu gestalten, dass sie die Lebensqualität der Menschen Kölns steigern. Wieso also nicht die Verantwortlichkeit in die Hände der Bürgerinnen und Bürger legen? Die Aktion ruft dazu auf passende Grundstücke zu finden, deren Neugestaltung zu entwerfen und stellt eine Verpachtung der Stadt für einen symbolischen Euro in 99 Jahren in Aussicht.

Kampagne
Foreneinträge kündigen die Aktion im Netz vor dem eigentlichen Start bereits an. Dann rufen 5000 Flyer zur Teilnahme an der Aktion auf. Text und Layout antizipieren die typische Ausdrucksweise der Stadt Köln. Verteilt werden die Flyer im öffentlichen Raum, in Stadtämtern, im Nahverkehr und über Zeitungen, die als Unterstützer der Aktion ebenfalls vereinnahmt werden. Der Flyer verweist auf die Webseite http://www.ein-stück-köln.de, wo alle nötigen Details zur Teilnahme an der Ausschreibung zu erfahren sind. Auch sollen auf der Webseite gefakte „erste Entwürfe“ und ein repräsentativer Mann vom Grünflächenamt die potentiellen Interessenten zur Teilnahme motivieren.

Wirkung
Teilnahmen an der Ausschreibung werden auf der Webseite www.ein-stück-köln.de unter dem Link „Entwürfe“ gepostet.

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Gruppe 2: Ausser Betrieb

Seacat

Vorbereitung / Idee
Um einen möglichst hohen Grad der Authentizität leisten und somit einen gute Durchführung gewähren zu können, wurden mehrere kleine Utensilien entworfen und hergestellt. Außerdem wandten sich die Cultural Hacker an eine Schauspielerin und Moderatorin, die den Hack mit Sicherheit sprachlich und performativ kompetent ausführen würde. Für den Hack wurden zwei Kameras und eine Profi-Tonangel bereitgehalten. Die gute Vorbereitung sollte den Cultural Hack möglichst „idiotensicher“ gestalten.
Zunächst erstellten die Cultural Hacker mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms einen Ausweis für die Schauspielerin, die in die Rolle einer KVB-Kontrolleurin (in „Zivil“ – so wie es seit Neustem üblich ist) schlüpfte. Sie trug den zurecht geschnittenen Ausdruck in einer Ausweishülle mit Clip an ihrer Strickjacke. Danach wurden – ebenfalls mit Hilfe des Bildbearbeitungsprogramms – die Beförderungsgeld-Strafzettel entworfen. Zur Absicherung stand in einer kleinen Schrift folgende Klausel auf jedem Zettel: Die ist ein Cultural Hack der HF Köln. Sie haben keine rechtlichen Folgen zu befürchten! Wir danken Ihnen für Ihre Mitarbeit.
Die KVB-Kontrolleurin, die für ihren Ausweis auf den Namen Ulrike Schmidt getauft wurde, war nun voll ausgerüstet. Nach einer kurzen Beratung erachteten die Cultural Hacker handschriftliche „Außer Betrieb“-Zettel als am authentischen. Diese wurden später mit Tesafilm auf die Automaten angebracht. Danach wurden mit ähnlicher Verfahrensweise Sat 1- Aufkleber für die Kameras und die Tonangel gestaltet. Diese wurden gut sichtbar auf das Equipment aufgeklebt. Die Cultural Hacker achteten ferner darauf, auch auf dem Kugelschreiber, mit dem die Zettel ausgefüllt würden, einen selbst entworfenen KVB-Aufkleber anzubringen.

Durchführung
Bei dem ersten Durchgang geriet den Cultural Hackern eine junge Frau „ins Netz“. Sie zog sich nach Betrachten des Zettels an der Straßenbahnhaltestelle keinen Fahrausweis. Bei der Kontrolle gab sie sich zunächst unsicher und etwas eingeschüchtert. Dann regte sie sich auf, schien sich aber (wegen der Kameras?) darum zu bemühen, dabei noch freundlich zu wirken. Ihr schien das „Getummel“ unangenehm zu sein, insbesondere, als die Cultural Hacker sich mit ihr durch die Straßenbahn zum nächsten Automaten bewegten, worauf die Frau bestand, um ihre Unschuld zu beweisen. Als die Kontrolleurin nicht nachgab, wurde die Frau zunehmend betroffener. Im Interview danach offenbarte sie, dass sie sich fälschlicherweise als Lügnerin betrachtet fühlte. Interessant war, dass sie ihre Erinnerung selber umschrieb, z.B. behauptete sie, dass sie die Tasten des Automaten gedrückt und der Automat nicht reagiert habe.

Das zweite „Opfer“ konnten die Cultural Hacker gleich in einer Straßenbahn einfangen. Es probierte ebenfalls erst gar nicht, ob der Automat wirklich defekt sei. Der junge Mann war bei der Kontrolle gleichsam betroffen und verlegen. Außerdem war er auffallend nervös (wippte mit den Beinen etc.). Er gab sich sehr stur, doch als die Kontrolleurin mit Polizeigewalt drohte, resignierte er. Im Interview gab er sich pazifistisch und verbalisierte sogar seine Befangenheit. Es schien für ihn  beinahe schlimmer zu sein, dass mehrere Augenpaare (und Kameralinsen) auf ihm ruhten, als die  – vermeintliche – Zahlung einer Strafe.

Bei der dritten „Episode“ wurden drei Teenager – zwei Mädchen und ein Junge – von den Hackern abgefangen. Kurz nachdem sie den „Außer Betrieb“-Zettel an einem Automaten an der Straßenbahnhaltestelle entdeckten, kam ihre Straßenbahn. Ihr Huschen in die Straßenbahn war möglicherweise eine Schnellschusshandlung. Die Teenager fühlen sich sichtlich ertappt und eingeschüchtert von der Kontrolleurin. Während der Kontrolle gab sich das eine Mädchen als Wortführerin, aber ihr war die Situation sichtlich unangenehm (Verlegenheitslachen etc.). Das andere Mädchen hielt sich schüchtern im Hintergrund und sagte nicht viel. Trotzdem gaben sich die Mädchen stark. Besonders der Junge kokettierte mit seiner Furchtlosigkeit. Er schaukelte sich mit seinen Äußerungen hoch und die Mädchen ließen sich mitziehen. Der Junge schreckte allerdings selbst nicht zurück, als mit der Polizei gedroht wurde. Die Mädchen versuchten ihn zu beruhigen, aber schließlich eskalierte die Situation. Der Junge bekam einen Wutausbruch, warf das Klemmbrett auf den Boden, schubste die Kontrolleurin und lief aus der Bahn, die gerade an einer Haltestelle hielt. Im Interview wurde noch einmal deutlich, wie sehr die Teenager voreinander ihren Mut zeigen wollten, indem sie lachten und/oder sich gleichgültig gaben. Das stille Mädchen gab letztlich zu, dass  ihr die Geldbuße gar nicht egal wäre.

Fazit
Der Cultural Hack „Außer Betrieb“ wurde also dreimal an einem Tag ausgeführt. Es war geplant, den Hack so oft durchzuführen, bis mehrere interessante Episoden entstehen würden. Da jede der Ausführungen sogleich – auch noch sehr guten – Erfolg erzielte, konnten die Cultural Hacker nach  den eben beschriebenen drei Ausführungen zufrieden nach Hause gehen. Hoffentlich konnten sie in den Köpfen der Personen, die von ihnen kontrolliert wurden, etwas bewirken.

Cultural Hack from Seacat on Vimeo.

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Gruppe 3: Stadtführung (Fake-Reiseführer)

Hannah Borggrefe, Ricarda Stedron, Inga Wangerow

Einführung
Wenn Menschen reisen wollen sie meist dem Alltag entfliehen. Um Interesse an der fremden Kultur, der neuen Stadt, dem großen  Unbekannten  zu befriedigen in die Fremde. Um aber bei den Diaabenden zu Hause nicht wie Kulturbanausen dazustehen, wollen sie noch ein wenig Kultur mit einbauen. Die bekanntesten, wichtigsten Bauwerke und Geschichtsstätten lernt man als Tourist am schnellsten und mit dem geringsten Aufwand durch die informativen und lehrreichen Vorträge eines Reiseführers kennen. Diese empfangen als ortskundige Personen die Gäste ihrer Stadt. Mit ihrem fundierten Wissen begleiten und führen sie die Reiselustigen durch die Straßen und Gässchen. Durch seine lebhaften Schilderungen lässt der Reiseführer vergangene Zeiten aufleben. Hierbei stellt der durchschnittliche Tourist nicht die unzähligen Jahreszahlen, phantastischen Sagen  und hiermit die Autorität des Reiseleiters in Frage. Vielmehr unterwirft er sich ihr. Ein Reiseleiter ist eine etablierte in der Gesellschaft etablierte Person, deren Worten geglaubt wird. Er wird nicht hinterfragt. Als Tourist unterwirft man sich der Führung, fügt sich den Anweisungen. Als Tourist unterwirft man sich der Führung, da es einfacher und bequemer ist, als mühsam den Weg mittels Stadtkarte zu finden und im „Lonely Planet“ die zugehörige Geschichte zu lesen. Unsere Faulheit und Bequemlichkeit sorgt dafür, dass wir gehörtes nicht hinterfragen, sondern interessiert mit dem Kopf nicken und begeistert dem Reiseführer ein Trinkgeld am Schluss in die Hand drücken. Seine Autorität setzt sich zusammen aus einer Mischung aus Fachwissen (wie etwa ein Arzt oder Lehrer sie besitzt) und den gesellschaftlichen Konventionen. Der Reiseleiter gewinnt erst die Autorität durch die Zuhörer die sie ihm zuerkennen. Reisende richten sich in ihrem Denken an gesellschaftliche Vereinbarungen.
Der Mensch als denkendes Wesen sollte sich wie ein mündiges Wesen auch als Tourist in fremden Umgebung Verhalten. Dies wollten wir untersuchen. Ist ein Mensch so mündig Falschinformationen zu hinterfragen oder wird er auch hierbei nett nicken und ein Foto schießen? Folgt er der warmen Sicherheit einer geleiteten Führung oder unterbricht er verabschiedet sich und sucht eigene Wege? Wie weit kann ein Reiseführer sein Machtbefugnis ausüben und seine „Schäfchen“ folgen blind seiner Obrigkeit?

Idee
Um festzustellen wie viel Touristen wirklich glauben und ab welchem Zeitpunkt sie sagen „Ey, Mädchen! Du verzählst Blödsinn!“, wollten wir also eine eigene ganz besondere Stadtführung anbieten: die Geschichten, die wir erzählen, sind aus anderen Städten gestohlen, frei erfunden und somit wird die Stadtgeschichte der Stadt Köln verfälscht. Wir erzählten Geschichten, die für Außenstehende oft plausibel klingen, aber frei erfunden sind: im Dom gab es nie einen Handel zwischen Bischof und Teufel, einen Kölner Schriftstellern namens Jan Buchwald mag es gegeben haben, allerdings ist er nie zum Idol aller Homosexuellen geworden und auch das kölsche Wort „Mümmes“ heißt in Wirklichkeit Popel und nicht Prost.

Fazit
Leider reagierten keine wirklichen Touristen auf unsere Flyer, die wir in den meisten Jugendherbergen in Köln für unsere kostenlose Stadtführung verteilten. Somit waren nur unsere Kursteilnehmer sowie einige Freunde und Familienangehörige anwesend. Da diese jedoch nur zum Teil eingewiesen waren, folgten sie interessiert bis zu dem Zeitpunkt wo der Urkölner Teilnehmer beim kölschen Wort Mümmes hellhörig wurde. Ab diesem Zeitpunkt folgte er den Ausführungen mit kritischer Miene.
Als Fazit lässt sich sagen, dass es viel schwieriger ist, sich glaubwürdig klingende Lügen auszudenken, als die Wahrheit zu erzählen. Mit der Schwierigkeit wirkliche Touristen zu erreichen, hätten wir nicht gerechnet, aber anscheinend gehen diese nur auf die Seite der Stadt Köln auf, der wir leider keine Werbung machen konnten. Die Autorität selbst einer jungen Fremdenführerin wird zunächst nicht angezweifelt. Somit konnten wir also feststellen, dass wir mit unseren Vermutungen Recht hatten. Interessant wäre es gewesen, wie viel „richtige“ Touristen geglaubt hätten.



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