Seminar „Urban Interventions“

WS 2012/13, Leitung: Johannes M. Hedinger, Mitarbeit: Stephanie Henk

Urban Interventions nennt man die Weiterentwicklung künstlerischer Interventionen im urbanen Raum. Es ist ein Wechselspiel von Kunst, Architektur, Performance, Installation und Aktivismus. Das Öffentliche wird zu einem privaten Erlebnis. Die oft anonymen Arbeiten beschäftigen sich mit jeglichen Aspekten und Bestandteilen der Stadt. Die Straße wird zur Leinwand und Galerie, zum Atelier, Labor und Club. Die Kunst kommt zum Publikum. Modifizierte Straßenschilder, Schaukeln an Bushaltestellen und Bilder aus Sand oder Schnee fordern uns heraus, unsere Umwelt zu entdecken, sie auf neue Art wahrzunehmen und mit ihr zu interagieren. Urban Interventions kommentieren und kritisieren auf intelligente Art und nehmen Bezug auf die Planung, Nutzung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums.

Im Rahmen des Seminars entwickelten die Studierenden in Einzel- oder Gruppenarbeiten eigene Projekte im Stadtraum von Köln.In der Folge finden sie eine Auswahl dieser studentischen Arbeiten:

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DIE RATTE (Henning Beckschulte, Nikolas Klemme)

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Ausgangslage/Projektbeschreibung/Botschaft

Unsere Intervention soll auf die immer größer werdende Vermüllung des Kölner Stadtteils Ehrenfeld und Umgebung aufmerksam mache. Sie zieht zudem einen Vergleich zwischen Äußerem und Innerem, Hülle und Inhalt, Umwelt und Bewohner. Ein weiterer Fokus liegt auf den verborgenen Gemeinsamkeiten gewisser Lebensformen, deren Wille zum Hinterlassen (und hinterlassen können) in ihrem Einwirken, sowie ihrer Spuren und Abdrücke in der gesamten Biosphäre herauszulesen ist. Die vor sich hin rottenden Bahnbögen des Ehrenfelder Bahnhofs in der Hüttenstraße bieten dabei einen perfekten Ort und Rahmen für eine Intervention mit diesen Themen. Unser Symbol für den Verfall, den Dreck und den Schmutz unseres Viertels ist eine Ratte. Als ein seit tausenden von Jahren im Gefolge der Menschen lebendes Tier stellt sie einerseits ein Symbol für den sich seine Umwelt kultivierenden Menschen, andererseits ein mögliches Spiegelbild des Menschen selbst dar, der ebenfalls als Allesfresser eine zu diskutierende Stellung als Schädling seiner Umwelt einnehmen kann.

Da die Ratte darüber hinaus als bekanntes Motiv für schlechte Charaktereigenschaften des Menschen gilt, eignet sie sich auch für eine anprangernde und universal verständliche Botschaft. Die damit verknüpfbaren Themen umspannen infrastrukturelle Umwelt-Bewältigungen, politische Auseinandersetzung unterschiedlicher Standpunkte, als auch zeitgemäße Wahrnehmung einer sich stets in Kultivierung befindlichen Welt, deren Akteure ständig – auch unbewusst – ihre Zeichen hinterlassen könn(t)en. Dem vorbeilaufenden Passanten mag sie dabei ein bekannter Lebensgenosse sein, besonders im rheinischen Köln. Somit findet sich wieder, was kulturgeschichtlich vielleicht nie abgetrennt wurde.

Als Zeichen für eine ganzheitliche Wahrnehmung der uns zugänglichen Welt spiegelt die Ratte mögliche Ursachen und Gründen für unbedachtes Verhalten wieder und fokussiert diese als Egoismus, Ignoranz und Skrupellosigkeit.

Videodokumentation zum Entwurf, Bau und Installation der RATTE

Umsetzung

In den Ausmaßen soll die Ratte ca. 4-5 m Höhe und 2-3 Meter Durchmesser haben und sich in einer sitzenden Position in der Ecke eines Torbogens befinden. Die Haltung der Ratte soll außerdem als ein Zitat an Banksy gedacht sein. Der Bogen ist max. ca. 6 m hoch. Durch die schlechten Lichtverhältnisse und ihre Position wird die Ratte am Tage trotz der Größe nicht auf Anhieb zu sehen sein und nachts total in der Dunkelheit verschwinden, wodurch ihr Auftauchen weiter dramatisiert wird. Uns war wichtig, dass das Projekt finanziell in einem überschaubaren Rahmen bleibt, damit es, wenn möglich, an anderer Stelle wiederholt werden kann. So werden wir die Ratte aus alten, handelsüblichen Kartons bauen und mit einem Rahmen aus Holz stützen. Ein Großteil der verwendeten Materialien ist bereits Teil des Wiederverwertungskreislaufs (gewesen) und bildet dadurch Brücken zwischen Konzept, Aussage, Umsetzung und Wirkung der Intervention. Ansonsten belassen wir die Szenerie unbehandelt und profitieren von der Umzäunung der Bahnbögen, die diese noch stärker als Bühne parzellieren.

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MOOS GRAFFITI (Merle Ballermann, Juliane Siering)

Idee
Wir haben zunächst das Material Moos für uns entdeckt und wollten hiermit ein Grafitti im öffentlichen Raum gestalten. Es hat nicht lange gedauert, bis uns schließlich auch ein passendes Motiv eingefallen ist. Das Moos steht für die Natur, für ein unfassbar großes Netzwerk unseres Planeten, welches fast überall wächst, wo man es zulässt. Es benötigt Feuchtigkeit und einen Nährboden. Ansonsten verbreitet es sich schnell. Die Wurzeln sind nicht besonders tiefreichend. Die Erscheinungsform ist vielfältig, und die Farbe stets monoton. Grün. Grüner Planet. Grüner Daumen. Grünes Moos.

Uns kam der Gedanke, mit dem Moosgrafitti auf ein ebenso großes und stets wachsendes Netzwerk kritisch zu thematisieren. Es handelt sich hierbei nicht um ein natürliches Netzwerk. Eher soll es um das virtuelle und allgegenwärtige Internet mit Facebook und Co gehen. Schon einmal darüber nachgedacht wie viel Zeit du im Netz verbringst? Also in der virtuellen Welt? Und wie viel Zeit in der realen Welt? In der du mit Menschen nicht über Facebook oder Emails kommunizierst?

Umsetzung
Die Zeichen „f“ (facebook) und „@“ haben wir also mit einer bestimmten Technik auf einen ebenerdigen Untergrund montiert. Hierbei wird Moos mit Joghurt und Zucker gemixt und somit verflüssigt. Mit dieser Masse haben wir schließlich die Zeichen „gemalt“ und anschließend festes Moos samt Muttererde darauf gelegt. Relativ schnell sollte diese „Schrift“ anwachsen.

Ziel
Unser Ziel war es mit der urbanen Intervention ein Bewusstsein für das natürliche Leben, außerhalb des Internets, zu schaffen. Es ist eine Aufforderung für mehr reale Konversationen und Begegnungen mit unseren Mitmenschen. Da die Zielgruppe sehr breit gefächert ist, hoffen wir mit dieser und möglicherweise folgenden Interventionen viele Menschen erreichen zu können. Jeder ist angesprochen, der sich enorm viel in der virtuellen Welt bewegt. Es wäre hier tatsächlich als Fortschritt zu sehen, wenn einige es zulassen, wieder einen „Raum für das natürliche Leben“ zu ermöglichen (wenngleich es genau genommen ein Rückschritt wäre). Hier hätte unserer Meinung nach kein Banner von einem natürlichen Lebensraum genügt, sondern gerade die Echtheit dieses erfahrbar natürlichen Graffitis ermöglicht es tatsächlich den Gegensatz von Stadt und Natur, von virtueller und natürlicher Welt zu sehen. Die Installation kann gerochen, gefühlt und betreten werden.

Reflexion
Unsere Idee und Intention stehen auf der einen Seite. Spannend wird es aber erst richtig, wenn man erfährt was die Intervention bei anderen auslöst:
„[…] Meine erste Assoziation war biologisch. Moose verbinde ich mit Flechten; und Flechten sind natürliche Netze. Das Flechtennetz liegt nun aber in Form eines Facebookzeichens auf Asphalt. Darin sehe ich die virtuelle Entfremdung oder Begrenzung von natürlichen Vernetzungen unter Menschen durch Seiten wie Facebook.[…] Die virtuelle Kommunikation via Facebook und Email vs. reale Kommunikation, bei der man sich begegnet. […]“ (M. Reicht).
Schnee und der unglückliche Zufall, dass auf der Fläche Mülltonnen Platz fanden, begrenzten den Zeitraum des Moosgraffitis auf drei Wochen und machten es für uns unmöglich weitere Reaktionen festzuhalten. Schade eigentlich, der Ort hätte aufgrund der grünen Verschönerung das Potenzial als Ort der Grillpartys, Picknicks oder gemütlichen Abende mit einer Gitarre genutzt zu werden. Der Raum ist da. Zu Naiv? Vielleicht. Ja. Aber wünschenswert….

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BIG BROTHER IS WATCHING YOU (Alexander Jeschke, Moritz Hogrebe)

Ausgangssituation

Überwachungssituationen entdeckten wir an jeder Straßenecke – in Bahnhöfen, Banken, Museen, Geschäften noch sinngemäß eingesetzt, wenn auch im übertriebenem Maße, entdeckten wir selbst an Orten wie der Universität und in Bäckereien Kameras.
Von Passanten akzeptiert und nur passiv wahrgenommen, wollten wir gegen die ständige Spionage demonstrieren und widmeten ihr so unser Projekt, indem wir auf sie aufmerksam machten. 

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Idee und Umsetzung

unser Ziel war, Passanten auf die Kameras aufmerksam zu machen. Dies wollten wir uns dadurch verschaffen, dass wir die Überwachungssituationen überspitzen beziehungsweise ins Lächerliche ziehen. Dafür fiel uns ein ideales und auch recht kostengünstiges Objekt in die Hände, das als unser Arbeitsmaterial fungierte – Überwachungskamera-Attrappen (zu erhalten im Baumarkt sowie im Internet bei großen Versandhäusern).
Durch das Positionieren dieser Attrappen an Orten, die viel Privatsphäre einschließen, sowie mit dem Spiel gegenseitiger Überwachung von Kameras, fanden wir einen großen Aktionsraum für unser Projekt. So installierten wir unsere Attrappen an Toiletten und bei Bankenautomaten oder stellten sie vor andere Kameras an Bahnhöfen, damit sich die Kameras gegenseitig beobachteten. Fixiert haben wir sie mit doppelseitigem Klebeband, was uns mobil und flexibel machte. Zudem konnten wir so Beschädigungen von außerhalb vermeiden.
Das Projekt verlief dann folgendermaßen ab: Wir installierten die Attrappe, dokumentierten und beobachteten und zogen weiter. Unser Ziel dabei – durch die absurde Positionierung der Attrappe die  Rezipienten für dieses Thema zu sensibilisieren und sie im Alltag aufmerksamer werden zu lassen. Nach der Durchführung installierten wir die Überwachungskamera-Attrappen fest an der Universitätstoilette, über den Urinalen, um ständige Präsenz zu zeigen.

Foto (1)

 

Reaktion und Reflexion

Alles im allen lief die Durchführung recht flüssig. Einen Zwischenfall gab es mit der Polizei. Als wir die Attrappe an einem Bankautomaten installierten, griff diese unter dem Vorwand der Geheimzahlspionage ein und belehrte uns. Dies war für uns aber nicht nur von Nachteil, da wir nun wussten, dass die Attrappen ihren Zweck erfüllten. Auch nachdem wir wiederholt darauf hinwiesen, dass es sich bei der Überwachungskamera um eine Attrappe handle, wurden wir trotzdem vom Platz verwiesen. Die Ordnungshüter zeigten sich allgemein sehr empfindlich, was dieses Thema anging. Weitere Reaktionen waren durchaus gespalten. Besonders bei den Urinalen auf den Toiletten konnten wir beobachten, dass viele zögerten, manche umkehrten und die Toilettenkabinen nutzen, wieder Andere gingen aber normal ihrem Geschäft nach. Inwiefern wir diese Rezipienten jetzt mit unserem Projekt beeinflusst haben, kann man nur mutmaßen. So oder so, hätten wir das Projekt aber gerne größer aufgezogen, das heißt im größerem Rahmen mit mehr Kameras (20 Attrappen nebeneinander beispielsweise). Dafür fehlte uns jedoch das Kapital.
Was wir zumindest festhalten und für uns mitnehmen können ist, dass Überwachung immer noch ein heikles Thema ist und man sich nicht gerne in privaten Situationen filmen lässt. Damit erklären wir uns zumindest, warum die fest installierten Kamera-Attrappen bereits nach wenigen Tagen entfernt und zerstört wurden. Nun stellt sich uns aber die Frage wann und ob es nicht schon soweit ist, dass die Privatsphäre zu stark überwacht wird?

Foto (4)

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ÖFFENTLICHES BADEZIMMER  (Katharina Hockel)

Ausgangssituation

In der Stadt habe ich auf der Straße einen Spiegel entdeckt, der an einer Laterne befestigt war. Das hat mich auf die Idee gebracht, diesen noch weiter mit Deo und Haarspray etc. auszuschmücken, sodass er auch richtig wie in einem Badezimmer genutzt werden kann. Daher habe ich dann an der Spiegelfläche am Rudolfplatz verschiedene Hygiene- und Styling-Artikel angebracht, verbunden mit einer Aufforderung an die Passanten, sich daran zu bedienen. Besonders interessiert hat mich hieran, wie die Reaktionen der vorbeigehenden Menschen ausfallen, wenn man sie mit etwas konfrontiert, das sie an dem Platz nicht erwarten würden.

Umsetzung

Für die Umsetzung des Projekts habe ich einen Umzugskarton mit einer Plastikfolie überklebt, sodass er wie ein Stück aus einem Badezimmer wirkt. Zusätzlich habe ich eine Plastikschüssel in den Karton eingesetzt und diese mit Wasser gefüllt, um eine Waschbecken-Attrappe zu erhalten. Um die Passanten zu animieren, sich daran zu bedienen habe ich noch einen Text „Du bist schön – hier kannst du dich noch schöner machen“ als Aufforderung an sie hinzugefügt. An dem folgenden Bild sieht man, wie die „Badezimmer-Attrappe“ fertig aufgestellt im Rudolfplatz zu sehen war.

Reaktionen der Passanten

Viele der Menschen sind vorbei gelaufen ohne zu bemerken, dass sich an der Stelle etwas geändert hat. Das lag aber zum Großteil auch daran, dass der Ort als Durchgang zur U-Bahn dient und dann die Zeit oft zu knapp ist, um sich umzuschauen. Einige Passanten, denen es aufgefallen ist, haben sich nicht getraut in Ruhe stehen zu bleiben und wenigstens genau zu schauen, was dort hingestellt wurde. Man konnte allerdings beobachten, dass sie wirklich gerne länger daran stehen geblieben wären. Eine kleine Gruppe von Ex-Drogenabhängigen hat sich dann schließlich auch an dem „Badezimmer“ bedient und auch das bereitgestellte Wasser in dem Spülbecken benutzt. Sie haben sich anschließend sofort umgedreht und in die Runde gefragt, wer denn das dahin gestellt hat. Daraufhin hat sich dann ein längeres Gespräch mit ihnen ergeben, bei dem sie mir zum Beispiel auch ein Bier ausgegeben haben.

Reflexion

Der ursprüngliche Antrieb des Projekts war für mich zu sehen, wie die Passanten reagieren, wenn man sie mit etwas konfrontiert, das sie nicht erwarten. Die Begegnung mit den Leuten, die sich dann tatsächlich daran bedient haben, hat mir dann auch noch eine soziale Komponente gegeben. Man konnte sehen, dass sie es nicht kennen, etwas Nettes zu bekommen, ohne dass eine Gegenleistung erwartet wird. Weiterhin haben sie mich drauf aufmerksam gemacht, dass ich das Projekt doch nochmal um eine andere Uhrzeit machen soll, wenn Ex-Drogenabhängige sich am Rudolfplatz aufhalten, weil es bei ihnen sehr gut ankommen würde.

Ausblick

Ich würde das Projekt gerne nochmal wiederholen und dieses Mal das Badezimmer in eine andere Umgebung stellen. Dadurch, dass ich das Badezimmer an einem Durchgang zur U-Bahn aufgestellt hatte, haben viele Leute es gar nicht bemerkt oder erst zu spät. Daher würde ich es gerne noch einmal an einem Ort aufstellen, an dem die Leute ihre Zeit mit warten verbringen und es dann mehr auf sich wirken lassen und darauf eingehen können. Außerdem würde ich auch gerne einen öffentlichen Platz (zum Beispiel den Kölner Dom) wählen. Dazu könnte ich auch einfach selbst einen Spiegel anmontieren, statt einen schon vorhandenen zu benutzen, was die Wahl des Ortes vereinfacht. Weiterhin könnte man das Badezimmer auch zu einem Weihwasserbecken umfunktionieren und zum Beispiel vor einer Kirche aufstellen.

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