Wenn Du nur in bist, bist Du out

Von kommunikativen Störgeräuschen und ihren Verwertungen im „Cultural Hacking“
Von Johannes Springer


Die Figur des Hackers ist in seiner noch recht jungen Geschichte schon allerlei Zuschreibungstransformationen unterworfen gewesen. Die diversen Bedeutungsfelder, die mal von spielerisch Systeme transzendierenden Computerspezialisten, dann von quasi kommunistischen Free-Software-Protagonisten oder böswillig-terrorisierenden Aktivisten bevölkert wurden, sind bekannt. An überraschenden Neuperspektivierungen fehlt es dennoch nicht. Christoph Engemann beispielsweise versucht im gerade publizierten Band „Politiken der Medien“ die Bedeutung der hackenden Free-Software Bewegung für die Ermöglichungsbedingungen moderner Staatlichkeit aus sozialwissenschaftlicher Sicht auszuloten. Die erstaunliche These Engemanns ist es, dass Hacker als Avantgarde-Citoyens zu begreifen seien, da sie mit der Entwicklung des Konzepts freier Software die Souveränität des Staates in der Informationsgesellschaft sicherten und eine wesentliche Grundlage moderner Regierungskunst erarbeiteten. Freie Software gilt Engemann als entscheidende Innovation für die legitime staatliche Interventionsfähigkeit und damit auch für die Garantie von Privateigentum. Da es ohne das Konzept freier Software für ihn keine legitime, staatliche Handlungsfähigkeit für die Garantie von Eigentum als Grundlage kapitalistischer Gesellschaften in heutigen Informationsgesellschaften geben kann, schließt er, dass mit Hackern keine neue revolutionäre Klasse aufgetreten sei, sondern unintendiert eine Innovation kontemporärer Staatlichkeit ausgelöst wurde. Klar ist zumindest, dass Hacking eine Kulturtechnik ist, die heute sowohl in ihren Wirkungen den ursprünglichen Kontextbereich sprengt, als auch in ihrer Haltung und ihrem strategischen Zugriff plausibel zur Metapher taugt, die in diverse gesellschaftliche Felder hineinspielt.

Dem Gebrauchswert der Methoden und Konzepte des Hacking für eine Gesellschaftsbeschreibung und -befragung rückt ein anderer kulturwissenschaftlicher Sammelband mit weniger steilen Thesen und gänzlich anderen Motiven zu Leibe. Innovation ist allerdings auch hier das Buzzword. Denn, so die Herausgeber, hackende Praxen seien kreativ, spielerisch und kulturell erneuernd. Besonders das technische Methodendesign, das mit Mitteln der Zweckentfremdung, des Umcodierens und konzeptionellen Bastelns gut beschrieben wird, rezipieren die Herausgeber als modellhaft für Gesellschaft bzw. Kultur und besonders für Intellektuelle wie auch für Künstler. Passend dazu wird in nicht wenigen Beiträgen Boris Groys bemüht, der schon vor geraumer Zeit behauptete, das heutige Rollenbild des Künstlers sei eher in einem Konsumenten- statt Produzentenstatus beschrieben, der Sammeln, Selektieren und Geschmacksdesign zu seinen Grundaufgaben zählt. Künstler sind in diesem Verständnis Avantgardisten, die sich durch innovativen Gebrauch der Sphäre vorhandener Elemente bedienen und damit auch Trends antizipieren, produzieren, eben auf vorbildliche Weise ,hacken‘.

Die Rahmung des Bandes ist simpel: klassischerweise wird u.a. bei de Certeau davon ausgegangen, dass eine Technik wie das Hacken nur als Taktik funktionieren kann, indem ein Konsument in den Ort des Anderen eindringt und dort flüchtige Aneignungspraxen erprobt, ohne mit einem alternativen Gegenort rechnen zu können. Eine Strategie im de Certeauschen Sinne dagegen setzt einen Ort voraus, der zunächst als etwas Eigenes umschrieben werden kann und darüber hinaus als Basis für die Organisierung der Beziehungen zu einer Außenwelt, die als Konkurrenz oder Klientel figurieren kann, dient. Was Liebl und Düllo damit meinen, wenn sie vom strategischen Handeln sprechen, ist klar, nämlich für die Produzentenseite eine Ebene erschließen, die sie Cultural Hacking nennen. Idee des Projektes ist es, das dem Hacking inhärente Prinzip des Ausforschens, Eindringens und kreativen Bewegens in fremden Systemen zur Leitmetapher für Manager aber auch Berater, Designer, Wissenschaftler usw. zu machen. Wichtig dabei ist zum Einen, dass man via Hacking und Erschließung von konsumierenden Zweckentfremdungen innovative Potentiale und Wettbewerbsvorteile behaupten, zum Anderen aber auch eine Methode adaptieren kann, mittels derer man vorbildhaft (sich) selbst hacken kann, also in einem Umcodierungsprozess mit einem Vorsprung gegenüber dem konsumierenden Hacker ausgestattet ist. Als kulturanalytisches Verfahren ist dies zwar keine neue Strategie, aber das als neue Formel zeitgemäßen Innovations- und Marketingmanagements einzuführen, ist ein Coup, der auch den deutschen „innovations-report“ ahnen lässt, sich hier mit einer künftigen Standardlektüre deutscher Marketingabteilungen konfrontiert zu sehen. Die Beiträge selbst sind theoretisch bestens unterfüttert und teilweise krude, aber zumeist hoch spannend zu lesen. Herausstechen können vor allem die Explorationen von Liebl in einer Fortsetzung seiner Reihe zu unbekannten Theorie-Objekten der Trendforschung, in denen er unter Verwendung von Jürgen Links Normalismusstudie eine heute als Perversion betrachtete Praxis – die intime, erotische Beziehung zu Tieren – als künftiges Marktpotential erforscht. Unter ziemlich ehrlicher Offenlegung des Konzepts zeitaktuellen und antizipierenden Marketings als Stigma-Management-Assistenz begibt er sich auf die Suche nach den heutigen Perversionen, die morgen schon den Vorteil auf dem Markt bedeuten können. Auch Thomas Düllos Analysen wissen zu glänzen. Dekuvriert er Coolness im ersten Schritt als Umcodierungskompetenz im Krieg der Zeichen, zeigt er im nächsten, wie „Coolen“ als Praxis von wesentlicher ökonomischer Relevanz ist. Umcodierungskompetenz nämlich ist nicht zuletzt im Product-Placement, der Marken- und flexiblen Kundenpflege von großer Wichtigkeit. Sub- und populärkulturell wie akademisch kulturanalytisch informiert sind nahezu alle Beiträge, ob einen das vor dem Hintergrund der verfolgten Ziele erfreuen sollte, scheint hier allerdings mehr als fraglich. Der Wiener Kulturwissenschaftler Lutz Musner hat in einem letztjährig erschienen Essayband zum Stand seiner Disziplin darauf hingewiesen, dass die Annahme, Cultural Studies würden in ihrer Sakralisierung und Nobilitierung widerständiger Formen des Alltagskonsums eine intellektuelle Variante neoliberalen Marktpopulismus betreiben, immer mehr Plausibilität gewinne und eingefordert, die Ausblendung des Ökonomischen zu beenden. Sein Anliegen, die sozialökonomische Struktur des Gemeinschaftslebens in ihrer Kulturbedeutung zu erforschen, wähnt er mit dem Kollaps marxistischer Weltanschauung allerdings marginalisiert. In vorliegendem Band wird die Ökonomie auf eine Weise mit dem Untersuchen zweckentfremdenden Konsums versöhnt, die Musners wichtiges Ansinnen extrem wenig entgegenkommen dürfte.

Weniger problematisch und partiell sogar gut ist ein Band, der sich im weitesten Sinne mit ,cultural jamming‘ beschäftigt und im Rahmen der „Just do it“-Ausstellung im Linzer Lentos Kunstmuseum entstanden ist. In der fragmentierten und trotzdem sehr flüssig zu lesenden Textsammlung wird man mit politischen Protestgesten und Interventionen belagert, die allesamt in medienguerillaartigen Zusammenhängen produziert wurden. Klug wird hier eingeräumt, mit den dargestellten Aktionen das kapitalistische System nicht umstürzen zu können, aber zumindest im mikropolitischen Feld ephemere Raumgewinne anzustreben. Nicht die strukturelle Veränderung hegemonialer Kommunikation und Symbolproduktion, aber zumindest ihre Störung und Irritation kann über diese kunst-politischen Aktionen gestaltet werden. Es darf also auch hier ganz viel um- und neu- und recodiert werden, am Ende muss eine semiotische Verunsicherung des Machtfelds, auf dem man agiert, gelingen. Seien es nun Staaten, Institutionen, Märkte, Marken, Firmen, der Handlungsmodus der Schwachen wird als taktische, sabotierende Produktivität auf dem Feld des Anderen benannt. Den allesamt gut dokumentierten und auch im politischen Sinne progressiv zu verstehenden Aktionen wird aber realistischerweise und angenehm nüchtern trotz ihrer Potenz zur kreativen und subversiven Unterminierung hegemonialer Bedeutungsproduktion und -zirkulation keine Fähigkeit zur revolutionären Bewegungsmacht eingeräumt. Dafür hat man es eben zu wenig mit geschlossenen Alternativmodellen zu tun. Auch der Umstand, dass man mit dem Phänomen des Guerillamarketings keinen der Kuratoren schocken könnte, ist als eine sehr angenehme Wirklichkeitsbearbeitung zu bewerten. Dass die ausgestellten Störungen ebenso als Innovation marktstrategisches und damit zu integrierendes Material sind, hier ist alles schon mitreflektiert. Auch die Folge, keine klare Grenze zwischen Widerstand und Systemoptimierung ziehen zu können, wird betont, immer jedoch mit der klaren Überzeugung, dass Letzteres selbstverständlich nicht gewollt sein kann. Ohne große Illusionen also, aber trotzdem fasziniert von der Kreativität und Subversivität der Gegenstände – eine Haltung, die genießbare Früchte trägt.

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