kritische Reflexion zu Cultural Hacking als Unterrichtsmodul

(Zitat aus der Dokumentation der Gruppe 4 des Kurses „Cultural Hacking. Kulturelle Innovation durch Détournement, Bricollage und Experiment“ an der Zürcher Hochschule der Künste im September 2009)

„Cultural Hacking ist ein Konzept, das sehr stark von Subversion abhängig ist. Ein Teil der Faszination besteht darin, dass die Akteure aus dem Verborgenen arbeiten, ihre Identitäten verschleiern, ihre Aktionen nicht auf dem Präsentierteller vorstellen, sondern geschickt in den Alltag einbauen und erst nach und nach aufdecken lassen. Nicht zuletzt ist es auch Kunst, das sich dem etablierten Kunst-(Vermarktungs-)System entzieht (dieses also gewissermassen ebenfalls hackt).

Was passiert nun, wenn diese subversive Kunstform durch den Haupteingang der Kunstschule kommt und hochoffiziell durch Dozenten gelehrt wird?

Die Kunstform wird zu einer ordinären «Technik», die gelehrt werden kann, sie wird eingemeindet und sanktioniert – ein weiteres Werkzeug in einem immer grösser werdenden Arsenal von Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen. Wie konventionell Cultural Hacking schon geworden ist, zeigt sich, wie gerne inzwischen Werbeagenturen auf genau die selben Techniken zurückgreifen, um die potentiellen Kunden auch neben den designierten Werbeflächen mit ihren Botschaften zu bombardieren. Von Subversion ist damit kaum noch etwas zu spüren, im Gegenteil.

Neben der Technik, die wir anzuwenden haben, muss man sich aber auch noch den Kontext ansehen, in dem unsere Arbeit entstehen soll.

Das Schul- und Universitätssystem hat sich praktisch sämtlichen Reformversuchen grösstenteils widersetzt. Selbst die Bologna-Reform hat an der grundlegenden Anordnung und Machtverteilung der Akteure nichts Wesentliches geändert: auf der einen Seite die Dozenten, die Aufgaben stellen, auf der anderen Seite die Studenten, die diese auszuführen haben – und dies möglichst im Sinne der Dozenten, denn schlussendlich vergeben diese die Noten. Während es in den Hard Sciences Sinn macht, möglichst nahe den Vorstellungen des Dozenten zu arbeiten, wird diese Aufgabenerfüllung für Kunsthochschulstudenten zur Gratwanderung: Kann ich mir als Student erlauben, mein eigenes Konzept durchzuziehen, und damit wirklich einen eigenen Stil zu entwickeln – auf die Gefahr hin, dass dies nicht dem Geschmack des Dozenten entspricht – oder arbeite ich mehr in einem Auftragsverhältnis, in dem ich meine eigenen Vorstellungen zurückstecke und die Wünsche des Dozenten erfülle, in der Hoffnung auf eine gute Note?

An einer Kunsthochschule geht es zudem auch immer wieder um die Produktion von «Kunst» (mit wirklich grossem «K»), wobei diese «Kunst» durch die Studenten nicht durch ein echtes Bedürfnis kreiert wird, sondern Fingerübungen sind, in denen Thema und/oder Technik schon vorgegeben sind; so oder so ist das eigentliche Ziel solcher Etüden selten die Aussage selbst, sondern das Erlernen der Ausführung an sich. Ein gewisser Leerlauf ist hier nicht zu verneinen.

Mit einer solchen Ausgangslage – der Auflage, Kunst auf Kommando zu veranstalten sowie der Domestizierung und Kommerzialisierung einer eigentlich subversiven Kulturtechnik scheint es auf den ersten Blick nur möglich, ein Möchtegern-Protestchen zu starten, einen Sturm im Wasserglas: mehr visual noise im öffentlichen Raum.

Interessanter wäre es offensichtlich, wirklich subversiv zu arbeiten, und uns damit die Technik wirklich anzueignen. Die Idee, den Kurs an sich zu hacken, war geboren. Das System «Hochschule» wird unterlaufen, in dem gegen die traditionellen Spielregeln verstossen wird. Statt, wie die Dozenten dies von den Studierenden erwarten, die Aufgabe getreu zu lösen, wird sie nicht, bzw. in anderer Weise gelöst.

Wir bedienen uns dabei dem Fake, indem wir vorgeben, an einem Hack zu arbeiten – dieser hätte die im Museum für Gestaltung stattfindende Fotoausstellung mit Bildern von Michel Comte aufgegriffen und gehackt – sei dies nun mit Überklebungen oder, in einer späteren Phase, mit gefälschten Text-Tafeln.

Indem wir diesen Hack aber nicht ausführen, verstossen wir scheinbar gegen die Auflagen des Kurses. Wir unterlaufen damit die stillschweigend vorausgesetzte Regelung zwischen Dozierenden und Studierenden: Die einen stellen Aufgaben, die anderen erfüllen diese, ohne sie zu hinterfragen. Wir verstossen damit gegen das System und die vorherrschenden Machtverhältnisse, indem wir uns ihnen entziehen und durch unsere Verweigerung drohen, dieses zu destabilisieren.

Der möglicherweise härteste Teil war die Aufrechterhaltung der Illusion des Fake-Hacks. Mit dieser Idee hatten wir nun zwei Hacks zu planen: einen, den wir durchführten und einen, den wir vorgaben, durchzuführen. Wir mussten uns also immer auch überlegen, was wir nun tun würden, um in den regelmässigen Besprechungen glaubwürdig zu wirken. Zudem mussten wir Lösungen für Probleme bereit halten, von denen wir wussten, dass sie am Ende nicht relevant sein würden.

Wir mussten also in der Lage sein, den Hack ausführen zu können, selbst wenn dies nicht unseren Plänen entsprach – nicht unähnlichen anderen Hacks, die, obwohl für einen Fake, den Aufwand des Objektes, das sie faken, haben.

Der Ausgang des Hacks ist – ganz im Sinne eines Experiments – unsicher; betrifft er doch genau diejenigen Personen, die später die Noten verteilen werden, selber. Damit gehen wir selber ein Risiko ein, doch scheint uns, dass dies durchaus dem Konzept des Cultural Hackings entspricht.“

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